Das Kaninchen als Schmusetier

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„Wir haben ständig Zwergkaninchen abzugeben – die idealen Schmusetiere auch für Kinder.“ Mit die­sen Worten wurde vor kurzem in einem Inserat für den Kauf junger Langohren geworben.

Sind Kaninchen „ideale Schmusetiere“? Das kommt ganz darauf an, was man unter diesem Begriff versteht. Wenn ein ideales Schmusetier ein Vierbeiner sein soll, der sich gerne und viel hochnehmen, herumtragen und auf dem Schoß knuddeln und durchkraulen lässt, dann ist das Kaninchen als Schmusetier denkbar ungeeignet. Denn während es zum Beispiel die meisten Katzen genießen, hochgenommen zu werden und – behaglich über die Schulter ihrer Menschen gelehnt – voll Wonne schnurren, während zahme Ratten den Körper ihrer Besitzer als Spiel- und Tummelplatz zu schätzen wissen, während sogar die bulligsten 50-Kilogramm-Rottweiler, wenn sie es denn dürfen, auf den Schoß von Herrchen und Frauchen gekrochen kommen und sich wohlig brummend „herumwerkeln“ lassen, hassen es die meisten Kaninchen, festgehalten zu werden.

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Kaninchen sind Fluchttiere, die in freier Wildbahn viele Feinde haben. Gegriffen werden sie dort von scharfen Zähnen, Klauen und Krallen der Raubtiere. Sich in einen solchen Griff zu fügen, bedeutet für die Mümmelmänner den sicheren Tod. Deshalb ist eine „Abneigung“ gegen alles, was festhält und hochnimmt,  auch im Wesen der zahmen Tiere verankert. Fixiert werden durch menschliche Hände, verankert in festem Griff mit allen Vieren vom Boden abheben, bedeutet für sie Bedrohung und Stress.

Natürlich gibt es Kaninchen, die so ein Vertrauen zu ihren Menschen haben, dass sie auch problemlos auf dem Arm herumgetragen werden können. Aber die meisten mögen das nicht lange und signalisie­ren ihrem Besitzer dann mit Strampeln, sanftem Zwicken oder Kratzen, dass sie nun wieder „festen Grund“ unter den Füßen wünschen.

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Sehr viele Langohren halten es aber eher wie Jorina, eine sehr zutrauliche Häsin, die zusammen mit ihrem Gefährten Jesko frei herumlaufen darf. Immer wieder kommt Jorina zu ihren Menschen und stupst sie – um Futter oder Streicheleinheiten bettelnd – freundlich mit der Nase an. Setzt man sich dann zu ihr auf den Boden, geht sie nach Kaninchenart auf „Tuchfühlung“, das heißt, sie schmiegt sich eng an den Körper ihrer Besitzer, streckt sich wohlig aus und lässt sich aus­giebig durchknuddeln. Will aber jemand – ganz verzückt von dieser Kaninchenzuneigung – die Häsin auf seinen Schoß heben, geht sie sofort auf Distanz. Wer Jorina nun zu sehr bedrängt, muss damit rechnen, mit den Krallen ihrer kräftigen Beine und ihren scharfen Zähnen Bekanntschaft machen zu müssen.

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Kaninchen können, wenn sie sich gegen ihnen unangenehme Zuneigung wehren, den Men­schen ganz erheblich verletzten. Nicht umsonst warnte die „Berufsgenossenschaft für Gesundheits­dienst und Wohlfahrtspflege“ im Deutschen Tierärzteblatt vor unvorsichtigem Umgang mit Tieren, indem sie ein süßes Zwergkaninchen abbildete. „Kleine Tiere sind herzallerliebst“, steht in der Anzeige zu lesen, „aber kleine und große Tiere können Verletzungen verursachen, weil ihre Reaktionen oft nicht absehbar sind.“

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Gerade Kinder, die ohne Anleitung mit Kaninchen „spielen“, laufen Gefahr, von diesen empfindlich verletzt zu werden. Und auch für die Tiere endet ein solches Beisammensein bisweilen schmerzhaft oder sogar tödlich: Kaninchen, die bei einem plötzlichen Fluchtversuch den Kindern vom Arm oder von der Schulter springen, kugeln sich dabei Gelenke aus, brechen sich Knochen oder das Genick. Dann gibt es ganz arme Kreaturen, die einer Ausgeburt der Tierquälerei ausgesetzt sind, indem sie – an Halsband oder Geschirr fixiert – an der Leine herumgezerrt werden. Der Stress, den das Fluchttier Kaninchen bei einer solchen Behandlung zu ertragen hat, ist außerordentlich groß und trägt in keinem Fall zum Wohlergehen des Tieres bei. Davon abgesehen, dass lebende Tiere niemals als Spielzeug für Kinder herhalten dürfen, ist der Umgang mit Langohren deren besonderem Wesen anzupassen. Das heißt, die Tiere sollten zur Kontaktaufnahme nicht aus ihrem Gehege gehoben werden, ihre Men­schen sollten sich zu ihnen auf den Zimmerboden oder ins Gehege setzen und warten, bis die Tiere von sich aus zum Geknuddeltwerden angehoppelt kommen.

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Wer mit so viel „Kaninchenverstand“ auf die Eigenheiten der Vertreter der langohrigen Art eingeht, wird bald merken, dass sie oft die Nähe ihres Besitzers suchen, sich eng an ihn schmiegen und es mit geschlossenen Augen und angelegten Löffeln genießen, gestreichelt und liebkost zu werden. Für große und kleine Menschen, die so auf ihr Tier eingehen können, sind Kaninchen wirklich die idealen Schmusetiere.

Text und Fotos: H. Kienle

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